E.ON ist einer der größten Verteilnetzbetreiber und Energieversorger Europas und steckt viel Zeit und Geld in die Energieforschung und zahlreiche Innovationsprojekte. Seit Neuestem verfolgt man dort nun einen übergreifenden, holistischen Innovationsansatz und hat zur Bündelung aller Kräfte die sogenannte Innovations-Einheit gegründet. Kerstin Eichmann, Vice President Partnerships & Acceleration, verrät uns mehr.

Startup_dus: E.ON Innovation verfolgt einen 360-Grad-Innovationsansatz, der interne Innovationen, Partnerschaften und Kooperationen sowie Forschungs- und Entwicklungsteams zusammengeführt. Warum habt ihr euch dafür entschieden, alles unter einem Dach zu vereinen?

Kerstin Eichmann: Ziel dieses 360-Grad-Ansatzes ist es, E.ON als Vorreiter bei der nachhaltigen Umgestaltung der Energielandschaft zu etablieren. Mit dieser ganzheitlichen Strategie können wir neue Trends und Geschäftsmodelle schneller identifizieren, evaluieren und implementieren. Durch die Aufteilung in die Kern-Bereiche – Research, Interne Innovation und Partnerships – gelingt es uns, gleich dreimal über den Tellerrand schauen. Wie verändern sich die Ansprüche unserer B2C Kunden? Welche Rolle spielen Energie-Communities? Vor welchen Herausforderungen stehen unsere B2B-Kunden, Stichwort: Nachhaltigkeit, Energie-Effizienz? Welche Geschäftsmodelle schlummern jenseits des regulierten Geschäfts? Es ist immer gut, eine Sache aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Daher gibt es neben unserem Hauptsitz in Essen Büros in Berlin, Tel Aviv/Israel und im Silicon Valley.

Startup_dus: Und warum war dieser Schritt aus eurer Sicht notwendig? Was versprecht ihr euch von der Innovations-Einheit?

Kerstin Eichmann: Innovation darf keinem Selbstzweck dienen, sondern muss letzten Endes auf die Ziele von E.ON einzahlen und uns bei der Energie-Transformation unterstützen. Gewisse Freiräume, eine offen gelebte Intrapreneurship-Kultur und offene Strukturen sind notwendig, um neue Ideen an der Schnittstelle von Industrien und Technologien zu identifizieren und zu pilotieren.

Aber wir wollen wir nicht nur in die Pilot-Falle tappen. Unser Anspruch ist es, Innovationsprojekte schnell ins Business zu überführen und dort zu skalieren.

Mit der neuen Innovations-Entität haben wir die drei wesentlichen Bereiche verzahnt. Damit verfolgen wir klare Ziele, die auf die Strategie von E.ON einzahlen. Alle Innovationsprojekte werden aktiv gemanagt, regelmäßig auf Relevanz und Impact untersucht und entsprechend der strategischen Ausrichtung des Konzerns priorisiert. Ohne Innovation gibt es keine Zukunft. Ohne aktives Management – kein Impact.

Startup_dus: In welchen Bereichen seht ihr derzeit besonders viele innovative Ideen und Projekte? Und gibt es Bereiche, in denen ihr noch besonders viele Innovationspotenziale seht?

Kerstin Eichmann: Wir sehen gerade im Bereich Load-Management, also dem Management von Energieflüssen, großes Potenzial. Anstelle die deutsche Kupferplatte auszuweiten, also das Stromnetz zu vergrößern und Deutschland in ein „leitendes Etwas“ zu transformieren, sehen wir innovativere Möglichkeiten, die Stromflüsse zu managen, damit Netzsicherheit zu gewährleisten und Kundenwünsche kostengünstiger zu erfüllen. Gerade in den Bereichen Mobilität oder Quartierslösungen, in denen eine Vielzahl an unterschiedlichen Erzeugungsanlagen und konsumierenden Assets gesteuert werden müssen, sehen wir einen großen Bedarf an digitalen Lösungen. Mit dem Startup GridX haben wir zum Beispiel in diesem Kontext sehr gute Erfahrungen gemacht. Mit ihrer Lösung, die aus einer Hardware- und einer Software-Komponente besteht, können wir z. B. Ladestationen von unterschiedlichen Herstellern ideal steuern.

Die Energiewende ist am Ende des Tages doch ein riesengroßes Digitalisierungsprojekt: Ganz gleich ob Ortsnetzstationen, Umspannwerke, Heizungskeller oder Wärmepumpen. Alle diese Assets müssen „smart“ gemacht werden, damit sie in der Lage sind, Befehle zu empfangen, Daten zu produzieren und diese auszutauschen. Hier sehen wir z. B. großes Potenzial bei dem IoT Startup Lemonbeat.

Auch das Thema Asset-Identitäten, oder Maschinen-Identitäten, ist noch unterrepräsentiert. Es wird eine Zukunft geben, in der Wärmepumpen, autonom fahrende Autos und Fotovoltaik Anlagen sich untereinander in Echtzeit identifizieren, virtuelle Kraftwerke Ad-hoc formieren und Handel treiben, also überschüssigen Strom oder Flexibilitäten verkaufen, um das Netz damit in Schach zu halten. Hierfür braucht es eine neue IoT-Kommunikationsinfrastruktur mit integriertem Bezahlsystem, die es unterschiedlichen Playern ermöglicht – ob Mensch oder Maschine – untereinander Handel zu betreiben. Blockchain in Kombination mit AI kann hier eine Lösung sein.

Ein weiterer Bereich ist Wasserstoff. Wir werden viele spannende neue Herausforderungen durch die aufblühende Wasserstoffwirtschaft sehen, die wir nur gemeinsam mit innovativen Partnern meistern werden. Gerade im Mobilitätsbereich werden möglicherweise neue Impulse durch Startups gesetzt.

Startup_dus: Welche Auswirkungen auf Strukturen und die Kommunikation innerhalb des Konzerns erwartet ihr von einer so prominent platzierten Unit Innovationen? Kann sich das auf das gesamte Unternehmen auswirken?

Kerstin Eichmann: Mit der neuen E.ON Innovation Einheit, die unter Thomas Birr, Chief Innovation and Strategy Officer aufgehangen ist, bekennt sich der Konzern klar zu Innovation. Zum einen erhöht sich durch eine derartige zentrale Anlaufstelle natürlich der Koordinationsaufwand, aber auch die Erwartungshaltung in Bezug auf den Output. Aber das ist gut so und zwingt uns bedarfsorientierte Innovation zu betreiben: Wir haben einen professionellen und systematischen Austausch zwischen den Business- und Innovations-Einheiten etabliert. Unsere Ansatz ist: „Problem searching for a solution ODER Solution searching for a problem “. Wenn wir nachhaltig belegen können, warum Problem X oder Y mit einem Startup oder einem anderen Domain-Expert aus der Industrie schneller und kostengünstiger gelöst werden kann, gibt es viel Support von den Kollegen, sogar vom Top-Management. Der Besuch eines Startups, um sich vor Ort ein Bild zu machen, ist dann plötzlich Chefsache. 2020 ist die Stunde Null für eine neue Art der gereiften Zusammenarbeit.

Startup_dus: Ein Kernelement eurer neuen Ausrichtung sind globale Partnerschaften mit Startups, Technologiekonzernen, Universitäten und anderen Institutionen. Und ihr formuliert ganz offen, dass E.ON auf solche Kooperationen angewiesen ist, um das Unternehmen in die Zukunft zu führen. Welche bestehen bereits und nach welchen Kriterien wählt ihr eure Partner aus?

Kerstin Eichmann: Mit der RWTH Aachen besteht bereits eine lange Partnerschaft. Auf der Startup-Seite haben wir eine erfolgreiche Partnerschaft mit Lemonbeat (LB) etabliert, bei der es sich um eine Ausgründung von innogy handelt. Das Team aus Dortmund hat eine IoT-Plattform entwickelt, mit dem sich jedes IoT-Projekt einfacher und günstiger managen lässt. Ob Rasenmäher, Heizungskeller oder Ortsnetzstation – jedes Gerät kann digitalisiert und quasi „sprachfähig“ gemacht werden. Hier bietet LB alles aus einer Hand: von der Findung des richtigen Gateways, über die Auswahl des richtigen Kommunikationsmoduls bis hin zur Geräte-Verwaltung. Ein besonderes prominentes Beispiel aus unserem E.ON B2B-Kundengeschäft ist hier die erfolgreiche Digitalisierung des Heizungskellers, oft ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Eine weitere Partnerschaft ist gerade in der Mache und wird in Kürze bekannt gegeben. Große Partnerschaften mit Corporates benötigen, wie wir wissen, in der Regel mehr Zeit. Aber auch hier haben wir mehrere heiße Eisen im Feuer.

Startup_dus: Speziell für Gründer und Innovatoren der Startup-Woche Düsseldorf: Wo trifft man euch? Wie tritt man mit euch in Kontakt? Und an was seid ihr am meisten interessiert?

Kerstin Eichmann: Man trifft uns im Internet. Aber Spaß beiseite. Man trifft uns natürlich auch am Brüsseler Platz, unserem Headquarter, auf LinkedIn, Twitter oder in unserem neuen Berliner Office, welches in der Factory an der Bernauer Straße angesiedelt ist. Dort lasse ich mich gerne auf einen Kaffee oder zwei einladen und von neuen Geschäftsmodellen inspirieren. In einer Welt nach Corona kann man uns natürlich auch im wunderschönen Tel Aviv im Sarona Center antreffen oder in Palo Alto, in den USA. Was die Suchfelder betrifft: Wir planen gerade gemeinsam mit unseren Netzkollegen eine neue Startup-Challenge für November und die Energy Innovation Days, eine virtuelle Konferenz, die vom 6. bis 8. Oktober stattfindet. Wir werden die Infos hierzu in Kürze auf unseren Kanälen veröffentlichen. Es bleibt also spannend!